Inside USA: Die neue Energie im amerikanischen Einzelhandel
Amerikanische Einkaufsorte fühlen sich 2025 wieder lebendig an. Gastronomie und Einzelhandel treten stärker miteinander in Beziehung, und vielerorts kehrt die Energie zurück, die in den vergangenen Jahren gefehlt hat. Aus Gesprächen mit den Teams vor Ort zeigt sich, welche Faktoren diesen Trend antreiben und wie sich das in zentralen Jamestown-Projekten widerspiegelt.
Wer in Deutschland an amerikanischen Einzelhandel denkt, sieht oft endlose Malls vor sich: sterile Atmosphäre, breite Gänge, Neonlicht, ein Erlebnis, das man so nur aus den USA kennt. Doch die Realität in den Städten hat sich verändert. 2025 erlebt der Einzelhandel dort einen Aufschwung, der anders aussieht: offener, lebendiger und näher am Alltag der Menschen. Einkaufsorte werden wieder zu Orten, an denen man verweilt, nicht nur vorbeigeht. Besucherinnen und Besucher kehren zurück, Markenunternehmen investieren, und vielerorts entsteht die Atmosphäre, die in den vergangenen Jahren gefehlt hat. Besonders sichtbar wird das an jenen Standorten, in denen Gastronomie, Einzelhandel und kleine Alltagsangebote ineinandergreifen: von urbanen gemischt genutzten Quartieren bis hin zu Nachbarschaftszentren, die den täglichen Rhythmus eines Viertels prägen.
Wer täglich mit Akteuren des Einzelhandels spricht, erlebt diesen Wandel unmittelbar. Adam Schwegman, Leiter Vermietung Einzelhandel bei Jamestown, beschreibt ein Umfeld, das sich in kurzer Zeit stark verändert hat. „Der Wettbewerb um gute Flächen ist so intensiv wie nie“, sagt er. Vor allem Marken mit Private-Equity-Hintergrund agieren deutlich aggressiver als noch vor wenigen Jahren. Gleichzeitig zeigt sich, welche Formate gerade am besten funktionieren: eine Mischung aus klassischer Gastronomie, neuen Entertainmentangeboten und gut betreutem Einzelhandel. Orte, die mehrere Erlebnisse miteinander verbinden und dabei sicher und einladend bleiben, verzeichnen höhere Frequenz und längere Aufenthaltszeiten.
Für viele direktvertriebsorientierte Marken ist der Einstieg in den stationären Handel selektiver geworden. Sie testen Standorte gezielt, oft mit kürzeren Vertragslaufzeiten und geringeren Investitionen. „Flexibilität hilft allen Beteiligten“, sagt Adam Schwegman. Je schneller sich ein Konzept ausprobieren lässt, desto eher entscheiden sich Marken für einen Standort.
Die Rolle der Gastronomie bleibt dabei unverändert wichtig. Sie prägt das Profil eines Projekts, erzeugt Frequenz und macht Orte unverwechselbar. Gleichzeitig ist sie die Kategorie, die am schwierigsten zu vermieten ist. Hohe Baukosten machen Fehlentscheidungen teuer. „Man muss den richtigen Betreiber auswählen“, sagt Adam Schwegman. „Ein zweiter Versuch ist heute deutlich kostspieliger als früher.“
Stabil und dennoch wandelbar
Während gemischt genutzte Projekte stark davon leben, unterschiedliche Nutzungen zu verweben, folgen lebensmittelzentrierte Nahversorgungszentren, sogenannte „Grocery Anchored Shopping Center“, einem anderen Muster. Eric Hines, der bei Jamestown im Assetmanagement den Bereich Einzelhandel verantwortet, beschreibt ihre Stabilität als Ergebnis eines Mietermixes, der sich kontinuierlich weiterentwickelt. Neue Soft-Goods-Anbieterinnen und -Anbieter (ein Begriff, der in den USA Mode, Beauty und Wohnaccessoires umfasst), ausgebaute und modernisierte Supermärkte und lokale Gastronomie haben in mehreren Centern für zusätzliche Frequenz und Umsatzimpulse gesorgt. Entscheidend ist für ihn die Auswahl neuer Konzepte: „Wenn wir bei der Vermietung selektiv vorgehen, wirkt sich das langfristig auf die Stabilität des Standorts aus.“
Aktivierte Außenbereiche haben sich ebenfalls als Erfolgsfaktor erwiesen. Eric Hines beobachtet, dass gut gestaltete Außenbereiche mit Grünflächen ein starkes Argument bei der Vermietung sind, weil viele Wettbewerber weniger in solche Bereiche investieren. Sie helfen zukünftigen Mietern das Potenzial eines Standorts zu erkennen und Nutzungsmöglichkeiten über die reine Verkaufsfläche hinaus zu sehen.
Ein weiterer Trend betrifft die Flächenplanung. Viele Anbieterinnen und Anbieter arbeiten heute mit effizienteren Grundrissen, und Jamestown unterstützt sie bei der Anpassung. Wenn sich Konzepte auf kleineren Flächen realisieren lassen, verbessert sich häufig die Wirtschaftlichkeit. Terrassen oder Außenbereiche können diesen Effekt verstärken, weil zusätzliche Sitzplätze oft höhere Mieten pro Quadratmeter ermöglichen.
Ein Beispiel aus Florida zeigt, wie sich ein Standort spürbar verändern kann. Polo Club Shops in Boca Raton war ein funktionierendes Center, das vor allem ein älteres, benachbartes Wohnumfeld bediente. Nach einer umfassenden Modernisierung – darunter eine größere, neue Publix-Filiale, neue Gastronomiekonzepte, Musik, Murals (großformatige Wandgemälde) und eine überarbeitete Landschaftsgestaltung – hat sich der Charakter des Ortes verändert. Heute trifft hier die gewachsene Stammkundschaft auf ein jüngeres Publikum. Fitness, Gastronomie und neue Alltagsdienstleistungen ergänzen das Angebot, ohne den ursprünglichen Kern zu verlieren.
Orte mit eigener Identität
Was Projekte wie Polo Club Shops, Buckhead Village oder Ponce City Market verbindet, ist ein Gedanke, den Adam Schwegman immer wieder betont: "Ein Standort braucht einen „Herzschlag“. Einen Ort, von dem Energie ausgeht und an dem Besucherinnen und Besucher sofort spüren, wofür dieser Platz steht. Aktiv genutzte Plätze, Außengastronomie oder saisonale Aktionen sorgen dafür, dass dieser Herzschlag hör- und sichtbar bleibt. Von dort aus entsteht die Dynamik, die Menschen anzieht und den Standort trägt".
Dazu kommen Nutzungen, die früher seltener Teil des Mixes waren: moderne Fitness- und Gesundheitsangebote oder hochwertige Dienstleistungen wie „elevated errands“, also hochwertige Alltagsdienstleistungen, von modernen Zahnarztpraxen bis hin zu maßgeschneiderten Einrahmungen für Kunst und Fotografien. Sie verlängern die Aufenthaltsdauer und sorgen dafür, dass sich ein Standort im Alltag verankert.
Was in Deutschland häufig als „Shoppingcenter“ verstanden wird – eine klassische, geschlossene Mall – ist in vielen US-Märkten längst die Ausnahme. Gerade Nachbarschaftszentren leben von kurzen Wegen, alltäglichen Angeboten und einer engen Verbindung zur Umgebung. Sie ziehen ihr Publikum im Radius von ein bis drei Meilen an und funktionieren nur dann gut, wenn das tägliche Zusammenspiel vor Ort stimmt. „Der tägliche Betrieb wird oft unterschätzt“, sagt Eric Hines. „Vom Erscheinungsbild bis zur Zusammenarbeit mit den Betreiberinnen und Betreibern – alles muss auf einem hohen Niveau funktionieren.“