Matt Honold, Vice President Business Operations im Assetmanagement, und Ernie Massei, Vice President Produktentwicklung und Engineering
„Wir wollten verstehen, bevor wir automatisieren.“
Software von der Stange? Nicht bei Jamestown. Selbst entwickelte Anwendungen und Arbeitsabläufe zeigen: Künstliche Intelligenz (KI) ist hier mehr als ein KI-Assistent. Im Interview erklären Matt Honold, Vice President Business Operations im Assetmanagement, und Ernie Massei, Vice President Produktentwicklung und Engineering, warum erfolgreicher KI-Einsatz lange vor dem ersten Prompt beginnt.
Viele Unternehmen haben sich erst mit dem Start von ChatGPT intensiver mit künstlicher Intelligenz beschäftigt. Bei Jamestown begann dieser Weg deutlich früher. Warum?
Ernie Massei: Innovation ist seit vielen Jahren Teil unserer Unternehmenskultur. Bereits 2017 haben wir unser Programm „Innovation Ideas“ gestartet, bei dem alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ideen einreichen können, die quartalsweise bewertet und ausgezeichnet werden. Später haben wir eine eigene Innovationsfunktion aufgebaut und 2021 eine Stelle geschaffen, deren Inhaber sich ausschließlich mit dem Testen und der Einführung neuer Innovationen in unserem Portfolio beschäftigt. Als generative KI aufkam, mussten wir deshalb nicht erst die organisatorischen Voraussetzungen schaffen. Wir konnten auf einer vorhandenen Innovationskultur aufbauen.
Matt Honold: Gleichzeitig haben wir begonnen, unsere Arbeitsabläufe systematisch zu analysieren. Im Rahmen eines Projekts namens „Fuse“ haben wir den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie – vom Ankauf bis zum Verkauf – abgebildet und jeden Prozessschritt, jedes Dokument und jede Übergabe dokumentiert. Dabei wurde uns sowohl das Potenzial einer datengetriebenen Organisation als auch der Aufwand bewusst, der dafür erforderlich ist. Rückblickend war genau diese Vorarbeit entscheidend. Heute verfügen wir über eine deutlich stärkere Datenbasis, ein gemeinsames Verständnis unserer Prozesse und eigene Entwicklungskompetenz im Unternehmen. Das sind die Voraussetzungen, um KI produktiv einzusetzen, statt lediglich mit ihr zu experimentieren.
Wann wurde aus dieser Vorarbeit eine konkrete KI-Initiative?
Ernie Massei: Kurz nachdem die ersten generativen KI-Modelle auf den Markt kamen. Die damals verfügbaren Lösungen boten jedoch noch nicht die Funktionen, die wir im Hinblick auf Datenschutz und Compliance für den Unternehmenseinsatz benötigten. Deshalb haben wir auf Basis des OpenAI-Endpunkts innerhalb unserer Microsoft-Azure-Umgebung unsere eigene Lösung „ChatJT“ (JT = Jamestown, Anmerkung der Redaktion) entwickelt. Unser Ziel war nicht einfach, einen KI-Assistenten zu bauen. Wir wollten verstehen, welche Sicherheitsmechanismen und Rahmenbedingungen notwendig sind, um KI produktiv in einer Unternehmensumgebung einzusetzen.
Matt Honold: Diese Investition zahlt sich heute aus. Unternehmenslösungen haben sich inzwischen deutlich weiterentwickelt, und wir rollen derzeit Claude Enterprise im gesamten Unternehmen aus. Im ersten Schritt geht es darum, unsere Teams im verantwortungsvollen Umgang mit KI noch sicherer zu machen. Im zweiten Schritt wollen wir herausfinden, wie wir KI über den reinen Dialog hinaus einsetzen können, um Arbeitsabläufe entlang des gesamten Gebäudelebenszyklus zu automatisieren. Parallel führen wir unsere Daten schrittweise auf einer zentralen Datenplattform von Microsoft zusammen. Dort werden klassische Immobiliendaten mit Informationen wie Besucherfrequenzen, Umsatzentwicklungen oder Bewertungsszenarien verknüpft. Erst diese Datenbasis macht viele KI-Anwendungen überhaupt möglich.
Die Technologie stellt die Werkzeuge bereit. Den Unterschied machen am Ende aber unverändert die Menschen.
Hat sich diese Investition bereits messbar ausgezahlt?
Matt Honold: Ja, ganz eindeutig. Mit „Codex“ haben wir innerhalb weniger Tage einen CRM-Prototyp (Customer Relationship Management, deutsch: Kundenbeziehungsmanagement, Anmerkung der Redaktion) für unser Team für Zusatzerlöse entwickelt. Nach der unternehmensweiten Einführung spart uns die Anwendung rund 50.000 US-Dollar sowie wiederkehrende Lizenzkosten. Ein intern entwickeltes Werkzeug zur Dokumentenanalyse hat es uns ermöglicht, einen externen Vertrag im Wert von rund 15.000 US-Dollar zu kündigen. Darüber hinaus führen wir derzeit eine neue Budgetierungsanwendung ein und erwarten auch hier über mehrere Teams hinweg erhebliche Zeiteinsparungen.
Ernie Massei: Genauso wichtig sind die vielen kleineren Effizienzgewinne. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbringen weniger Zeit mit Routinetätigkeiten und gewinnen mehr Freiraum für Aufgaben, die Erfahrung, Kreativität und fachliche Expertise erfordern. Trotzdem bleiben Menschen unverzichtbar. Generative KI kann einen ersten Entwurf oder eine erste Analyse liefern, aber niemals die endgültige Antwort. Bewertung, Validierung und Entscheidungen liegen weiterhin in der Verantwortung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Welche Herausforderungen waren größer als erwartet?
Matt Honold: Neben der Technologie selbst ist vor allem der organisatorische Wandel komplex. Deshalb arbeiten wir seit mehreren Jahren eng mit unserer Geschäftsleitung sowie den Teams aus Recht, Compliance, Informationssicherheit und IT zusammen. Gemeinsam entscheiden wir, welche Anwendungsfälle sinnvoll sind und wie sich KI sicher und verantwortungsvoll einsetzen lässt. Ebenso wichtig war es, die Veränderungen im Unternehmen zu begleiten. Wir haben früh erkannt, dass neue Technologien nur dann erfolgreich sind, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sie annehmen und ihren konkreten Nutzen verstehen. Deshalb investieren wir bewusst in Pilotprojekte und Schulungen.
Ernie Massei: Während unseres Claude-Enterprise-Praxistests haben rund 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus verschiedenen Ländern und Unternehmensbereichen mit der Plattform gearbeitet. Mehr als 90 Prozent haben anschließend empfohlen, Claude unternehmensweit einzuführen. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit: Wir sammeln Anwendungsfälle aus dem gesamten Unternehmen und entwickeln daraus Lösungen, die auch anderen Teams zugutekommen.
Wie wird künstliche Intelligenz Jamestown in den kommenden Jahren verändern?
Ernie Massei: Ich bin überzeugt, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter künftig immer häufiger eigene Anwendungen entwickeln werden. Mithilfe von KI können Teams Arbeitsabläufe automatisieren oder kleinere Anwendungen selbst erstellen, ohne jedes Mal externe Software beschaffen zu müssen. Künftig können sie uns solche Prototypen vorstellen. Gemeinsam mit unserem bereichsübergreifenden Gremium aus Recht, Compliance und IT prüfen wir dann, ob wir die Anwendung übernehmen möchten, welchen Mehrwert sie für unsere bestehende Systemlandschaft bietet und wie sie langfristig betrieben werden kann.
Matt Honold: Dadurch entstehen Lösungen genau dort, wo Herausforderungen auftreten. Früher wären viele Ideen an Budgetgrenzen oder Entwicklungskosten gescheitert. Heute können wir sie deutlich schneller umsetzen und gemeinsam weiterentwickeln – vorausgesetzt, sie schaffen einen echten Mehrwert für Jamestown. Darin sehen wir die größte Chance. KI ist kein Selbstzweck. Sie soll unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befähigen, bessere Entscheidungen zu treffen, effektiver zusammenzuarbeiten und Innovation selbst voranzutreiben. Die Technologie stellt die Werkzeuge bereit. Den Unterschied machen am Ende aber unverändert die Menschen.
Vielen Dank für das Gespräch!
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